Wohin gehen wir?

Thema Woche 02/2004

Immer wieder wird die Frage gestellt, inwieweit wir frei sind, unsere Zukunft zu gestalten. Als lebendige Wesen sollten wir doch Einfluss nehmen können, oder ist alles bis ins Detail vorherbestimmt?

Zunächst sollte man sich darüber klar werden, dass unser Leben sehr stark durch Einflüsse aller Art geprägt wird. Die höchsten kosmischen Energien in diesem Zusammenhang werden als die drei gunas (die drei Erscheinungsweisen) bezeichnet:

sattvam rajas tama iti
gunah prakriti-sambhavah
nibadhnanti maha-baho
dehe dehinam avyayam

Die materielle Natur besteht aus den drei
Erscheinungsweisen - Tugend, Leidenschaft und Unwissenheit.
Wenn das ewige Lebewesen mit der Natur in Berührung kommt,
o starkarmiger Arjuna, wird es durch diese Erscheinungsweisen bedingt.

(Bhagavad-gita 14.5)



Bedeutet dies nun, dass die Zukunft des Lebewesen in jeder Hinsicht von diesen Kräften festgefügt ist? Dies ist eine sehr beliebte Frage, und selbst unter Devotees gibt es oft längere Diskussionen zu diesem Thema, denn es ist nicht ganz einfach, hier die Patentantwort zu präsentieren.

Ganz besonders interessant in diesem Zusammenhang ist auch folgende Aussage von Shri Krishna:

anaditvan nirgunatvat
paramatmayam avyayah
sarira-stho pi kaunteya
na karoti na lipyate

Diejenigen mit der Sicht der Ewigkeit sehen,
dass die unvergängliche Seele transzendetal und ewig ist
und sich jenseits der Erscheinungsweisen der Natur befindet.
Trotz ihres Kontakts mit dem materiellen Körper, o Arjuna,
tut die Seele nichts und ist auch nicht verstrickt.

(Bhagavad-gita 13.32).


Die Seele tut nichts? Sie ist nicht verstrickt? Das zu verstehen, ist nicht so einfach und bereitet dem Suchenden oft Kopfzerbrechen.

Um das Ganze noch etwas anzureichern, hier noch eine Stelle aus der Bhagavad-gita:

adhisthanam tatha karta
karanam ca prithag-vidham
vividhas ca prithak cesta
daivam caivatra pancamam

Der Ort der Handlung (Der Körper), der Ausführende, die verschiedenen Sinne,
die vielen verschiedenen Arten von Bemühungen und letztlich die Überseele -
dies sind die fünf Faktoren einer Handlung.

(Bhagavad-gita 18.14)



Shrila Prabhpada kommentiert zu diesem Vers: "Das Wort adhisthanam bezieht sich auf den Körper. Die Seele im Körper ist aktiv, um die Ergebnisse von Tätigkeiten zu ermöglichen, und deshalb wird sie als karta, 'der Handelnde', bezeichnet. Dass die Seele der Kenner und der Handelnde ist, wird in der shruti bestätigt: 'esha hi drashta srashta' (Prashna Upanishad 4.9). Dassselbe wird im Vedanta-sutra von den folgenden Versen bestätigt: 'jno `ta eva' (2.3.18) und 'karta shastrarthavattvat' (2.3.33). Die Werkzeuge der Handlung sind die Sinne, und durch die Sinne handelt die Seele auf verschiedene Weise. Für jede einzelne Handlung wird eine unterschiedliche Bemühung unternommen. Doch alle Tätigkeiten sind vom Willen der Überseele abhängig, die als Freund im Herzen weilt. ..."

Handelt die Seele also doch?

Wir (die Seelen) handeln dadurch, dass wir eine innere Haltung zu verschiedensten Einflüssen einnehmen, die auf uns einströmen. Wir können zwar nicht direkt ins äußere Geschehen eingreifen, weil wir als spirituelle Substanz von Materie gänzlich verschieden sind, jedoch sieht der höchste Lenker der Materie (und auch dessen Bevollmächtigte) unser Herz und damit unsere innere Haltung zu den Dingen, die wir wahrnehmen. Entsprechend unserer inneren Haltung gestaltet Gott unsere Zukunft, wobei folgende Aspekte gleichzeitig berücksichtigt werden müssen:

1. Wir ernten in unserem Leben die Reaktionen auf unser "Tun" in der Vergangenheit (Karma-Gesetz). Dieses "Tun" ist natürlich ebenfalls auch nur so zu verstehen, dass wir eine bestimmte innere Haltung in einer bestimmten Lebenssituation eingenommen hatten. Es kommt also letztendlich für unsere Zukunftsgestaltung ganz und gar auf unsere innerste Einstellung an, nicht so sehr auf die Äußerlichkeiten. Beispielsweise kann man oft sehen, dass bei einem Waldbrand bestimmte Bäume einfach nicht zu Schaden kommen. Das Feuer überspringt sie. Das gleiche sieht man bei Erdbeben, Bombenangriffen etc., wenn Menschen in aussichtslosen Situationen doch überleben.

2. Das Karmagesetz ist kein unpersönlich vollautomatisch ablaufendes Programm. Vielmehr wird es persönlich durch Gott und Dessen Bevollmächtigte gesteuert. Unsere innere Haltung beeinflusst daher auch direkt die "Karma-Verwalter", die kein Herz aus Stein haben. Alles geschieht ausschliesslich in unserem Interesse. Wenn wir uns Shri Krishna zuwenden, so wird Er entsprechend unserer Hingabe besondere Arrangierungen für unser Seelenheil treffen (s. Bhagavad-gita 18.66). Je mehr wir jedoch Gott verleugnen und ohne Kooperation mit den göttlichen Instanzen unser Dasein fristen, desto mehr erfahren wir den "Gerechtigkeitsaspekt" Gottes und weniger den "Barmherzigkeitsaspekt". Das ist kein Fehler auf Seiten Shri Krishnas, weil Er nicht in unsere Entscheidungsfreiheit eingreift. Wenn wir nichts von Ihm wissen wollen, so lässt Er uns in diesem Zustand scheinbarer Unabhängigkeit und sorgt durch die kosmische Verwaltung einfach nur dafür, dass ausgleichende Gerechtigkeit herrscht.

3. Eine besondere Stellung nehmen reine Gottgeweihte und diejenigen, die reinen Gottgeweihten dienen, ein. Sie sind der verkörperte Barmherzigkeitsaspekt Gottes, weil sie versuchen, selbst Personen, die nichts mit Gott zu tun haben möchten, für Gott interessiert zu machen. Sie gehen dabei so weit, sündhafte Reaktionen anderer auf sich zu nehmen, um ihnen das Leben zu erleichtern und den Zugang zum hingebungsvollen Dienst zu ermöglichen. Sie ändern dadurch das Schicksal vieler hin zu mehr Freude und Glück. Als Shrila Prabhupada einmal gefragt wurde, welche mystischen Fähigkeiten er denn besitze (im Vergleich zu bestimmten yogis etc.), antwortete er, dass aufgrund seines Predigens viele viele Menschen nun plötzlich ihren sündhaften Lebensstil aufgegeben haben und glücklich in die Zukunft schauen. Ja, das ist die Macht des reinen Geweihten des Herrn. Man sollte aber nicht dem Irrtum erliegen, dass man nun als Gottgeweihter einen Freifahrtschein für ein angenehmes materielles Leben habe. Nein! Oft ist es so, dass Shri Krishna gerade nicht für unseren materiellen Wohlstand sorgt, weil Er weiss, dass wir dann ggf. wieder in Illusion geraten würden. Er kann am besten abschätzen, welche Portion Glück und Leid für unsere Rückkehr ins spirituelle Reich angemessen ist.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass wir unsere Zukunft entsprechend unseres Maßes an innerer Hingabe (Liebe) oder innerer Verweigerung (Neid) gestalten. Hierbei gibt es viele viele Stufen. Der Lernprozess hingebungsvollen Dienens ist unendlich vielgestaltig und glückverheißend. Der Fortschritt hängt im wesentlichen davon ab, inwieweit man die Geweihten des Herrn erfreut. Shri Krishna Selbst schenkt Sich denjenigen, die Seinen Geweihten liebevoll begegnen. Eigenmächtige Gipfelstürmerei ist daher wenig erfolgversprechend. Ein tugendhafter Lebensstil mag ein höheres Maß an Lebensqualität nach sich ziehen, jedoch ist dies noch nicht die Lösung unseres Grundproblems. Erst wenn wir unsere Unabhängigkeitserklärung zurück nehmen und uns von Gott und dessen Geweihten abhängig machen, entfaltet sich unsere ewige Perspektive des Glücks. In dem Maße, wie wir uns selbst in den Mittelpunkt stellen, wird uns der Einlass in den Nektarozean der Gottesliebe verwehrt.

Ihr Diener

Parivadi das