Barmherzigkeit oder Sentimentalität

Thema 09/2007

Es ist wieder soweit: Am 3. März beginnt für die Gaudiya-Vaishnavas ein neues Jahr, nämlich mit dem Erscheinungstag Shri Chaitanya Mahaprabhus (1486 bis 1534 AD).

Shri Chaitanya ist das Kronjuwel der Erscheinungen Shri Krishnas. Durch Seine Barmherzigkeit können sogar weniger intelligente und unqualifizierte Lebewesen zur höchsten Stufe der Gottesliebe gelangen. Der Begriff Religion wird von den allermeisten Menschen als Konfession, als Zugehörigkeit zu einem bestimmten kulturellen Glaubensmuster, angesehen. So beruhen sogenannte Religionskonflikte meist auf unterschiedlichen materiellen Vorlieben oder soziologischen Unterschieden.

Shri Chaitanya lehrt uns jedoch, dass das wahre Ziel aller Religion nur eines ist, die liebevolle Rückverbindung der Lebewesen zu Gott. Kulturelle Unterschiede spielen hier keine Rolle. Im ursprünglichen Sinne bedeutet das Wort Religion genau das.

Shri Chaitanya kommt also nicht, um eine neue Konfession in die Welt zu setzen. Vielmehr zeigt er uns den effektivsten Weg, wie wir unsere ursprüngliche Liebe zu Gott freilegen können, die im bedingten materiellen Zustand pervertiert auf Materie gerichtet wird und somit unbefriedigt bleiben muss.

Die Art, wie Shri Chaitanya zu uns kommt, wie Er mit den Devotees Umgang pflegt, ist sehr sehr anziehend. Shri Chaitanya offenbart direkt vor unseren Augen die Atmosphäre der spirituellen Welt, voller Gesang und Tanz zur Freude Gottes. Jedoch ist dieses Geschehen weit jenseits sentimentaler Schwärmerei angesiedelt. Shri Chaitanya lehrt uns nämlich auch, welche Eigenschaften wir in uns erwecken müssen, um in dieser Atmosphäre bestehen zu können. Auf der einen Seite schenkt uns Shri Chaitanya reine Liebe zu Gott, auf der anderen Seite zeigt er uns auch, wie wir das Geschenk behüten können. Er spricht von der bhakti-lata, von der Pflanze der Hingabe, die regelmäßige Bewässerung benötigt, um die man sich sorgfältig kümmern sollte.

Es wird gerne der Fehler gemacht, Shri Chaitanya für sich vereinnahmen zu wollen, indem man Seine verschenkende Haltung missversteht. Man bildet sich ein, man habe einen Freifahrtschein bekommen und könne nun allen möglichen Unsinn machen, denn Shri Chaitanya verschenke sich ja. Das ist ein Trugschluss, vor dem man sich hüten sollte. So gibt es Menschen, die sich als Anhänger Shri Chaitanyas bezeichnen, die den Pfad des spirituellen Lebens billig nehmen möchten unter Berufung auf die Barmherzigkeit Shri Chaitanyas. Solche Scheinanhänger findet man z.B. auch bei Christen, die unter Berufung auf den Kreuzestod von Jesus sich als gerettet betrachten, obwohl sie zutiefst im Morast materieller Knechtschaft stecken. So gibt es einige, denen die Lehren Shrila Prabhupadas zu streng erscheinen, die meinen, man könne diesen Botschafter umgehen, da Shri Chaitanya auch billiger zu haben sei. Sie propagieren z. B., man solle nur die Namen Shri Chaitanyas chanten und alles gehe wie von selbst. Solche Darstellungen sind mangelhaft, als sie nur die Hälfte der Wahrheit schildern, denn die Antwort auf das Chanten sind die Anweisungen des spirituellen Meisters, der uns hilft. Wenn wir den spirituellen Meister umgehen wollen, lehnen wir auch die Barmherzigkeit Shri Chaitanyas ab.

In diesem Zusammenhang wird oft sinngemäß folgendes treffende Gleichnis erzählt: Ein Geistlicher betet sein ganzes Leben um Hilfe. Bei einer Überschwemmung betet er um Rettung. Als ein Hubschrauber kommt, lehnt er diese Hilfe ab, da er denkt, Gott selbst müsse kommen. Er erkennt nicht, dass auch der Hubschrauber von Gott gesandt wurde. In ähnlicher Weise schleichen sich in die verschiedenen spirituellen Pfade unwirksame Vereinfachungen ein, die aus der Trägheit der Klienten herrühren. Man will es einfach billiger haben, ohne zu sehen, dass man es selbst ist, der das Hindernis für die Rettung ist. Man verhält sich auf eine Weise, die der Rettung 180 Grad entgegen steht und wundert sich, dass man nicht voran kommt oder bildet sich ein, man komme voran.

Lasst uns daher die heiligen Namen Gottes chanten und gleichzeitig ernsthafte Bemühungen unternehmen, die Mission Shrila Prabhupadas gemeinsam voran zu treiben. Selbstverständlich besteht kein Unterschied zwischen dem Chanten und der Mission, jedoch ist es wichtig, alle uns zur Verfügung stehenden Kapazitäten in den Dienst der Mission zu stellen. Solange wir solche Kapazitäten zurück halten, kann das Chanten nicht ganz ernst sein und damit nicht seine volle Wirkung entfalten. Lippenbekenntnisse bringen uns nicht auf den Pfad der Vollkommenheit.

In diesem Sinne wünsche ich allen die Segnungen Shri Chaitanyas, der uns wohl gesonnen ist, der uns seinen liebsten Diener, Shrila Prabhupada, gesandt hat, um uns unserer Natur entsprechend in hingebungsvollen Tätigkeiten zu beschäftigen. Natürlich sind noch nicht alle Landstriche voll im Krishna-Bewusstsein erblüht, so dass mancher zurecht fragen wird, ob hier nicht einfach nur Zweckoptimismus Methode ist. Dazu ist zu sagen, dass es seine Zeit dauern wird, bis die Prophezeihungen, wonach der Heilige Name in jeder Stadt und in jedem Dorf gesungen werden wird, sich voll entfaltet haben werden. Auch sind die meisten von uns noch weit davon entfernt, täglich mit erhobenen Armen in Liebe versunken gemeinsam durch die Straßen zu tanzen, und unser deutsches Wetter passt auch gar nicht zu diesem Idealzustand sondern eher zur Politik. Was jedoch bereits da ist, sind die Bücher von Shrila Prabhupada, seine Worte in Schrift, Ton und Bild. Sie vermitteln bereits die gesamte Essenz des Weges und des Zieles. Diese Bücher sollten unsere besten Begleiter sein. Sie tragen die Gemütsstimmung Shri Chaitanyas in sich und haben die Kraft, uns in liebende Gottesdiener zurück zu transformieren, sofern wir miteinander kooperieren und autorisierten Rat einholen.

Viel transzendentale Freude im neuen Gauranga-Jahr (Gauranga ist ein Name Shri Chaitanyas, der auf seine goldene Ausstrahlung hinweist!).

goura-premanande haribol

heißt soviel wie "Chantet bitte alle laut die Heiligen Namen und kostet so die Ekstase der Liebe Shri Chaitanyas!"

Ihr Diener

Parivadi das