Wer ist normal?

Thema 09/2009

"Was Nacht ist für alle Wesen, ist die Zeit des Erwachens für den Selbstbeherrschten, und die Zeit des Erwachens für alle Wesen ist Nacht für den nach innen gekehrten Weisen." (Bhagavad-gita 2.69)

Shri Krishna deutet hier an, dass es grundsätzlich zwei Lebensauffassungen gibt, nämlich folgende zwei Kategorien:

KATEGORIE 1

Ich lebe hier in dieser Welt, um es mir hier schön einzurichten und gut gehen zu lassen. Es ist dies meine Heimat und es gibt keinen Grund, mir weitere Gedanken zu machen. Ich bin gut, wenn ich mit anderen teile, so dass auch die anderen möglichst Anteil am Glück haben. Schön ist es auf der Welt zu sein sagt die Biene zu dem Stachelschwein. Wir können nun auch alles bei Lidl preisgünstig beschaffen, und es gibt dort jetzt sogar Bio-Produkte. Zuweilen wird dort sogar Zubehör für autogenes Training oder Yoga angeboten. Die Menschen verstehen nun schon, dass nicht nur eine gesunde Ernährung wichtig ist sondern auch körperliche und geistige Ausgeglichenheit. Ich halte mich fit und über den Tod muss ich mir keine Gedanken machen, denn wenn es ein Leben danach gibt, dann muss ich mich davor nicht fürchten, denn ich bin ein guter Mensch, habe ich doch stets Spenden gegeben und war lieb zu allen. Außerdem unterstütze ich Greenpeace und bin seit drei Jahren Veganer, denn ich möchte meinen Beitrag für eine bessere Welt leisten. Von allen Heilslehren bevorzuge ich den Buddhismus, denn hier muss man sich nicht mit Hirngespinsten beschäftigen, wie das in den Religionen der Fall ist, die nur Unruhe und Kriege in der Welt entfachen.

KATEGORIE 2

Ich bin in Unwissenheit geboren und frage mich, wo ich herkomme. Bin ich ein Klumpen aus Fleisch, Blut, Urin, Schleim, Knochen, Knorpeln, Haaren und einem Nervenkostüm, das mich elektrisch steuert? Warum muss ich leiden? Warum werde ich zuweilen krank? Ist das hier meine Heimat? Ich kanns einfach nicht glauben. Meine innersten Wünsche sind mit dieser Situation nicht vereinbar. Warum muss ich in der Schule soviel unsinnige Dinge lernen über Kriege, Machthaber, über die Errungenschaften der deutschen demokratischen Grundordnung? Warum ist alles so widersprüchlich? Warum verdienen manche Menschen eine Milliarde Dollar am Tag und andere 100 Dollar im Jahr? Warum reden wir denn dann über den Rechtsstaat? Auch lerne ich staunend, dass der Mensch vom Affen abstammt, sich im Lauf der Evolution vom Einzeller nun zur Krönung der Schöpfung entwickelt hat und drauf und dran ist, das globale Gleichgewicht in den Griff zu bekommen, denn das Wechselspiel von Mutation und Auslese wird dafür sorgen, dass das Gute und Bessere überleben wird und wer das nicht einsehen möchte, der sollte in Therapie geschickt werden. Doch wenn ich mir die Weltlage ansehe, kann ich beim besten Willen keinen wirklichen Fortschritt erkennen. Die meisten Lebewesen leiden unter Kälte, Hitze, Unter- oder Fehlernährung, Krankheiten aller Art und sehen keine gesicherte Zukunft für sich, geschweige denn für die abhängigen Familienangehörigen. Auch der westliche Wohlstand für die Breite Masse scheint mir eine Illusion zu sein, zumal sich die Menschen gerade dann nicht vertragen zu scheinen, wenn es ihnen materiell besser geht. Noch nie gab es so viele zerrüttete Familien wie heute. Das ist nicht meine Heimat! Ich gehöre nicht zu dieser Welt des Fressens und Gefressens werden. Darwinismus treibt mir die Gänsehaut über den Rücken. Ich suche nach meinem wahren Ursprung, der nicht in der Materie liegen kann, denn meine Intuition sagt mir, dass ich selbst nicht dieser Körper bin. Ich bin ein antimaterielles Teilchen, das im Kosmos gefangen gehalten wird. Wie kann ich da rauskommen, nach Hause zurück? Ich studiere die Lehren der großen Weltreligionen und komme zu dem Ergebnis, dass ich ein ewiges spirituelles Wesen bin, das sich hier in dieser Welt verirrt hat. Durch Religion, Rückverbindung mit Gott, kann ich die Situation bereinigen. Ich sage das auch anderen, denn ich habe Mitleid mit denen, die hier im Kreislauf von Geburt, Alter, Krankheit und Tod gefangen sind. Ich möchte vom materialistischen Treiben möglichst Abstand nehmen, denn ich fühle mich dadurch belästigt. Besonders stören mich diejenigen, die überheblich ihre materiellen Errungenschaften, z.B. körperliche und geistige Ausgeglichenheit, zur Schau stellen, obwohl sie nicht einmal wissen, in welch einer gefährlichen Situation sie sich befinden. Mich ziehen diejenigen an, die Geborgenheit in Gott gefunden haben und damit eine unerschütterliche Ruhe ausstrahlen, die mir Halt und Sicherheit gibt, bin ich doch als kleines spirituelles Teilchen auf meine Quelle angewiesen, von ihr abhängig. Wie kann ich mir nur anmaßen, mich als unabhängig aufspielen zu wollen, bin ich doch jeden Bruchteil einer Sekunde von so vielen Faktoren abhängig, dem Blutdruck, der Körpertemperatur, von Mutter Erde, von der Großzügigkeit der Vorsehung allgemein. Zuerst waren es meine Eltern, die sich um mich gekümmert haben. Ich lag die ersten Monate völlig hilflos in der Wiege, davor umschlossen im Mutterleib, wurde heraus gepresst durch Wehen, die über meine Mutter kamen. Nun arbeitet meine körperliche Maschine wahrscheinlich noch ein paar Jahre, aber dann muss ich weiter gehen, vielleicht in einem zukünftigen Leben wieder in eine Schule, wo ich möglicherweise wieder hören muss, dass der Glaube an Gott mit Wissenschaft nichts zu tun hat, und dass Darwin die Welt vom Irrglauben erlöst hat. Nein danke, eine weitere Runde möchte ich nicht mehr erleben!

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Es ist leicht zu verstehen, dass die beiden Lebensauffassungen nicht miteinander vereinbar sind. Die vedischen Schriften berichten, dass es seit Anbeginn des Kosmos immer wieder zu größeren und kleineren Streitigkeiten zwischen den Verfechtern der beiden Gruppen kam.

Sogar der Schöpfer des Universums, Brahma, musste sich von vier seiner Abkömmlinge, den vier Kumaras, gefallen lassen, dass diese sich weigerten, ein Familienleben zu führen, um für Nachwuchs im Universum zu sorgen. Er wurde darüber zornig, und so erschien dann Shiva. Diese Geschichte findet man im dritten Canto, Kapitel 12, des Shrimad Bhagavatam. Im sechsten Canto des Shrimad Bhagavatam, Kapitel 5, wird berichtet, dass Narada Muni, der große universale Prediger des Krishna-Bewusstseins, Kinder des Vorvaters Daksha dazu inspirierte, Mönche zu werden. Daksha, der Vater, wurde aufgrund der Aktivitäten von Narada Muni sehr zornig und verfluchte diesen.

Hierzu muss allerdings angemerkt werden, dass sowohl Brahma als auch Daksha nicht Vertreter der ersten Kategorie sind. Vielmehr haben sie den göttlichen Auftrag, die Bevölkerung im Universum zu vermehren. Ihnen ist bewusst, dass der eigentliche Sinn des Daseins ist, diesen Ort möglichst schnell wieder zu verlassen. Dennoch hatten sie Konflikte dieser Art mit Lebewesen, die entschlossen waren, einen klaren antimaterialistischen Kurs zu nehmen. Sie fanden sich jedoch später mit der Entscheidung ihrer Abkömmlinge ab, die materielle Schöpfung nicht auszudehnen.

Anders ist es mit Hardlinern der Kategorie 1. Sie schmähen die Vertreter der Kategorie 2 meist als Sektierer oder in ähnlicher Weise, machen sich lustig über sie oder verfolgen sie in der ein oder anderen Weise.

Shri Chaitanyas Mission in diesem dunklen Zeitalter des Kali ist es nun, den in das weltliche Dasein vertieften Seelen nicht unnötig Vorhaltungen zu machen, denn das würde diesen nicht weiter helfen sondern sie noch weiter in gottferne Regionen hinaus drängen. Vielmehr wird von den Vertretern des Gauidya-Vaishnavismus nun der Versuch unternommen, freudvolle Aspekte des Gottesdienstes, insbesondere das Singen der Namen Krishnas, auf die Straße hinaus zu tragen, denn viele viele Menschen haben nicht mehr die Neigung, Kirchen, Moscheen, Tempel oder andere Gotteshäuser zu besuchen. Die meisten haben dafür einfach keine Zeit mehr. Die ISKCON unternimmt daher weltweit große Anstrengungen, das Krishna-Bewusstsein mit allen möglichen technischen Errungenschaften zu verbreiten, z.B. mittels dieser Web-Seite. Manche sehen einen Widerspruch darin, wenn Spiritualisten auf der einen Seite materiellen Fortschritt in Frage stellen, auf der anderen Seite jedoch die Errungenschaften, z.B. Computer, benutzen. Hierzu ist zu sagen, dass es nicht um die Verurteilung materieller Geräte geht sondern um die Transzendierung der falschen Lebenseinstellung, sich als unabhängigen Genießer in dieser Welt zu sehen, was eben eine Illusion ist, die zum fortgesetztem Dahinvegetieren in der materiellen Welt führt, denn die materielle Welt dient eben gerade zur Unterbringung der Sektierer; diese wiederum bezeichnen diejenigen, die nach Hause zurück zu Gott wollen, als Sektierer.

Wer hat nun recht? Ist es möglich, in der Materie anhaltendes Glück zu finden oder eben nicht? Das möge jeder für sich selbst entscheiden. Wir sagen nein!

Parivadi das