Thema Woche 30

Wo ist Gott?

Oft wird meditativen Menschen vorgeworfen, sie flüchteten vor der Welt, sie zögen sich aus der Affaire, sie verweigerten den Dienst an der Allgemeinheit. Es gibt auch immer eine Gruppe von Philosophen, die Gott mit der Welt gleichsetzen und diejenigen kritisieren, die Gott außerhalb der für sie wahrnehmbaren Welt suchen. Religiöse Menschen neigen tatsächlich manchmal dazu, die Welt zu verteufeln, fühlen sich oft auserwählt und über der Masse der Unwissenden stehend, im Bund mit Gott, der sie liebt und die anderen nicht so sehr.

In der Vaishnava-Philosophie - der Lehre der Hare-Krishna-Bewegung - wird der Diskussion dieser Problematik sehr viel Raum gegeben. Aus dem Shrimad Bhagavatam - auch als Bhagavat-Purana bekannt - und auch anderen Vaishnava-Schriften wie der Bhagavad-gita ergibt sich, dass Gott sowohl jenseits der materiellen Welt beheimatet ist, gleichzeitig aber die materielle Welt durchdringt, sie erhält UND ihr dient:

nityo nityananam
chetanas chetananam
eko bahunam yo vidadhati kaman

Übersetzung: Der höchste Herr ist ewig und die Lebewesen sind ewig. Der Höchste Herr ist bewusst und die Lebewesen sind bewusst. Der Unterschied ist, dass der Höchste Herr alles nötige für das Leben der vielen Wesen bereitstellt (Katha Upanishad 2.2.13)

Ja, wie Jesus sagt "sie säen nicht, sie ernten nicht"; die Lebewesen finden im allgemeinen, was sie brauchen, dienen sich meist gegenseitig als Nahrung.

Sollte man hieraus nicht die Konsequenz ziehen und einfach den kosmischen Gesetzmäßigkeiten zu folgen; "liebet und mehret Euch". Warum sollen wir nach dem transzendentalen Gott Ausschau halten, wenn Gott doch überall verbreitet ist als Seine Energien und Wirkungen? Kann man nicht als ein guter Mensch "in der Welt" leben, glücklich sein und anderen Glück bringen?

Diese Frage ist höchst brisant und von essenzieller Wichtigkeit. An dieser Frage scheiden sich die Geister.

Hier einige Anregungen bei der Diskussion dieser Problematik aus der Sicht der Vaishnava-Theologie:

Tatsächlich ist die Qualität des Lebens vom Bewusstseinszustand abhängig. Nichts ist uns näher als unser Bewusstsein; es ist unsere Umgebung, die wichtigste Umweltbedingung sozusagen! Beispielsweise nimmt eine Schmeißfliege einen Naturpark sicher anders wahr als ein romantisch veranlagter Urlauber? Die Internationale Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein (ISKCON) wurde von Shrila Prabhupada gegründet, um möglichst viele Lebewesen dazu zu inspirieren, ihr Bewusstsein auf Shri Krishna und Sein Reich zu richten, um dann zu erkennen, dass alles andere im Zusammenhang mit der Quelle aller Freude steht und entsprechende Bedeutung hat. Je weiter fortgeschritten man in dieser Einsicht ist, desto mehr löst man sich von falschen Erwartungshaltungen hinsichtlich vergänglicher materieller Erscheinungen. Gleichzeitig hasst man die sich stets wandelnde materielle Welt aber auch nicht, denn man erkennt ihre wahre Bedeutung, lässt sich also nicht verwirren, ja kann sie sogar mit Krishnas Gnade krishnaisieren.

Manche reformierte Christen träumen ja vom Reich Gottes auf der Erde. Shrila Prabhupada formulierte in diesem Zusammenhang, dass die ganze Welt Vaikuntha (spirituelle Welt) würde, wenn jeder krishnabewusst würde. Ein 100%iger Erfolg ist diesbezüglich jedoch nicht zu erwarten, denn es wird immer Lebewesen geben, die sich gegen Gott wenden. Ein fortgeschrittener gottesbewusster Prediger kalkuliert nicht, inwieweit der Gottesdienst, das Verbreiten von Krishnabewusstsein, nun nützlich für die Welt sein wird oder nicht. Er führt diese Tätigkeit zur Freude von Shri Krishna aus, in höllischen wie auch himmlischen Umständen. Sehr weit fortgeschrittene Bhakti-Yogis befinden sich auf diese Weise für andere sichtbar in der Welt, sind jedoch gleichzeitig nicht in der materiellen Welt sondern in Vaikuntha, dem Reich Gottes. Shrila Prabhupada sagte zu ersten Schülern in den USA sinngemäß, sie sollten nicht glauben, er befinde sich nun in dieser oder jener amerikanischen Stadt.

Wenn wir diesem Gedankengang folgen konnten, so verstehen wir tatsächlich, dass man zwar scheinbar in dieser Welt leben kann, jedoch in Wirklichkeit in Gottes persönlicher Gemeinschaft befindlich sein mag. Solch ein Leben ist für alle anderen Lebewesen von größtem Nutzen, da sie auf diese Weise zu höheren Bewusstseinszuständen angeregt werden, was wirklich gut für sie ist.

Hier einige Erläuterungen von Shrila Prabhupada zu Canto 4, Kapitel 9 des Shrimad Bhagavatam (auszugsweise), die die Thematik auf den Punkt bringen, wie wir es von Shrila Prabhupada gewohnt sind:

"Solange man nicht auf der spirituellen Ebene verankert ist, werden alle Tätigkeiten als Handlungen eines Toten oder geisterhafte Handlungen angesehen (Erläuterung zu SB 4.9.6). Die ursprüngliche Energie inspiriert einen Gottgeweihten, und so beschäftigt er alle seine Körperglieder im Dienst des Herrn. Die gleiche Energie beschäftigt als äußere Kraft den gewöhnlichen Nichtgottgeweihten in materiellen Tätigkeiten für Sinnenbefriedigung. Wir sollten den Unterschied zwischen maya und sva-dhama klar verstehen: Für Gottgeweihte handelt die sva-dhama-Energie, wohingegen im Fall von Nichtgottgeweihten die maya-Energie handelt (Erläuterung zu SB 4.9.7). Der Ozean der materiellen Unwissenheit wird mit einem lodernden Feuer verglichen, doch für einen Gottgeweihten ist dieses lodernde Feuer unbedeutend, weil er völlig im hingebungsvollen Dienst eingetaucht ist. Obwohl die materielle Welt ein loderndes Feuer ist, scheint sie einem Gottgeweihten von Freude erfüllt zu sein (Erläuterung zu SB 4.9.11)."

Sehr fortgeschrittene Bhakti-Yogis sind daher keine Weltflüchtigen. Vielmehr sehen sie die Welt ganz anders, nämlich im Zusammenhang mit Dienst für Shri Krishna, der stets ekstatisch ist. Es muss betont werden, dass dieser höchste Bewusstseinszustand nicht oft anzutreffen ist. Es wird auch dringend davon abgeraten, solche Haltungen nachzuahmen. Zuerst müssen wir lernen, dass die materielle Welt nicht unser Zuhause ist und unsere wahre Heimat kennen lernen. Diese Zwischenschritte dürfen nicht ausgelassen werden, sonst laufen wir Gefahr, Schwindler zu werden. Aber auch Neulinge im Krishna-Bewusstsein und diejenigen auf der Mittelstufe sind angehalten, den Lebewesen im allgemeinen Dienste zu erweisen; zur Freude Krishnas. Auf diese Weise machen wir mehr und mehr Fortschritt.

Shrila Prabhupada erklärte, dass spirituelle Fortschrittsmöglichkeiten unbegrenzt sind, im Gegensatz zu materiellen Wachstumserwartungen!!!

Euer Diener
Parivadi das