Thema Woche 35

MATRIX

Ein Blick in die Kinowelt zeigt, dass sich einige Schlüsselfiguren des Weltgeschehens über die Hintergründe des kosmischen Geschehens Gedanken machen. In der Reihe Matrix wird das Dasein als eine Art Computersimulation vorgestellt. In spirituellen Kreisen hört man immer wieder, alles sei nur Illusion, in Wirklichkeit sei alles eins. Man möchte in die Einheit eingehen, ins ewige Licht: "Und das ewige Licht leuchte ihnen, Herr lass sie ruhen in Frieden." (aus dem römisch-katholischen Bereich; Auszug aus einem Gebet für die Verstorbenen zu Allerseelen).

Großer Beliebtheit erfreut sich in esoterischen Zirkeln die Lehre des Shankara, eine Inkarnation Shivas im mittelalterlichen Indien, wonach die sichtbare Erscheinungswelt nicht real sei. Es handle sich um nichts als Einbildung. Die einzige Realität sei das Brahman. Viele Shankara-Anhänger üben sich darum darin, die Einheit (das Brahman) zu verwirklichen, indem sie die vielgestaltige Welt verneinen. Shankaras Lehre widerspricht jedoch fundamentalen Prinzipien der Logik. Hier einige Gedanken, die dazu dienen mögen, die existenzielle Situation wieder auf die Füße zu stellen:

Wenn man von Illusion spricht, dann ist das auf jeden Fall MEHR ALS NICHTS. Es handelt sich um etwas. Beispiele:

- Man mag sich in eine Schaufensterpuppe verlieben, aber als Ehepartnerin wird sie sich nicht gut eignen. Solche Verwechslungen bezeichnen die Vaishnavas als Illusion.

- Es gibt wunderbare Fruchtnachbildungen in Schaufensterdekorationen, aber wenn man reinbeißt, fallen einem die Zähne aus.

- In Liebesliedern wird von süßen Küssen gesprochen. Jeder weiss jedoch, dass Speichel nicht süß schmeckt.

- Junge Menschen auf Werbeplakaten versprechen das Paradies auf Erden. Wir wissen jedoch alle, dass es das nicht gibt.

- Illusion ist auch, wenn man denkt, auf der Love-Parade gehe es um Liebe.

Illusion im Zusammenhang mit der kosmischen Situation bedeutet also, dass uns die materielle Energie Phänomene vorgaukelt, in uns Erwartungen und Vorstellungen hervorruft, die nicht so sind, wie sie scheinen. Die Substanz, die hier verwendet wird, ist jedoch echt, so wie der Kunststoff, aus dem die Schaufensterpuppen hergestellt werden. Illusion im vedischen Kontext bedeutet also ein Verwechseln von Dingen. Man verwechselt das Seil mit einer Schlange (klassisches Beispiel in diesem Zusammenhang). Es gibt sowohl Seile als auch Schlangen. Sonst könnte ja die Verwechslung nicht stattfinden. Die Lehre Shankaras, wonach diese Phänomene alle nur Illusion - also substanzlos - sind, ist eine Irreführung, die die Tendenz der Weltflucht unterstützt, die man bei vielen Anhängern solcher Theorien feststellen kann.

In der Bhagavad-gita erklärt Shri Krishna, aus welchem Material die Illusion gefertigt wird:

bhumir apo 'nalo vayuh
kham mano buddhir eva ca
ahankara itiyam me
bhinna prakrtir astadha

Erde, Wasser, Feuer, Luft, Äther, Geist, Intelligenz und falsches Ego - all diese acht Elemente bilden zusammen Meine abgesonderten, materiellen Energien.

Diese Energien sind nicht substanzlos. 1 = 0 (nein, falsch!)

Es handelt sich um echte fassbare Stoffe:

Wenn ich als Geisterfahrer auf der Autobahn fahre, dann nehme nicht nur ich den Zusammenprall wahr, sondern auch die anderen Unfallbeteiligten und Zeugen!!! Die Lehren von der Substanzlosigkeit (Mayavad) oder dem Nichts (im Zen-Buddhismus) kann das nicht erklären. Angeblich bildet sich jedes Lebewesen seine Welt nur ein, aber das stimmt nicht. Es gibt eine objektive Realität, die sich durch meine Einbildungskraft nicht verändert: Der Kölner Dom steht im wesentlichen immer noch genauso da, Stein auf Stein, wie er in jahrhundertelanger Arbeit gebaut worden ist. All die Touristen sehen ihn so und nicht anders! Er ist nicht das Nichts und er ist auch keine Illusion in dem Sinn, dass man ihn sich einfach wegdenken kann.

Nun noch zu den spirituellen Vorteilen der richtigen Vaishnava-Sichtweise:

Im Vaishnavatum versucht der Praktizierende, die materielle Erscheinungswelt als das zu begreifen, was sie ist: Eine verzerrte Reflexion der spirituellen Realität. Die Reflexion hat Substanz. Man kann hier leben, wie man sieht, nach logischen nachvollziehbaren Grundsätzen, den Naturgesetzen eben. Der Vaishnava versteht, dass der Kosmos ein Ort ist, wo sich die abgesonderten Erweiterungen Shri Krishnas, die vibhinamsas, aufhalten und ihren Neigungen nachgehen können, die meist nicht mit den innersten Wünschen Shri Krishnas übereinstimmen. Die Kinder Gottes können die materiellen Gegebenheiten jedoch auch dazu benutzen, die Quelle aller Energien zu verehren und Ihr zu dienen. Dadurch kann sogar die Illusion spiritualisiert werden. Der Vaishnava weist die Materie nicht zurück sondern opfert sie dem höchsten Herrn:

patram puspam phalam toyam
yo me bhaktya prayacchati
tad aham bhakty-upahritam
asnami prayatatmanah

Wenn Mir jemand mit Liebe und Hingabe ein Blatt, eine Blume, eine Frucht oder etwas Wasser darbringt, werde ich es annehmen.

Bhagavad-Gita 9.26

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Die wahre Einheit erkennt deshalb nur jemand, der auch die kosmischen Energien dazu benutzt, Gott zu verehren und Ihm zu dienen.

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Ergänzung:

Wer sich mit dem Vaishnavatum beschäftigt, hört oder liest früher oder später, dass es sich beim kosmischen Geschehen um den Traum von Maha-Vishnu handelt - den yoga-nidra -, und dass wir uns ebenfalls in einem Traumzustand befinden (wir träumen mit!). Die falsche Schlussfolgerung wäre, wenn man nun glaubt, ein Traum sei substanzlos! Träumen bedeutet lediglich das Übergehen in einen anderen Bewusstseinszustand, es hat nichts damit zu tun, dass nun nichts mehr existiert. Vielmehr nehmen wir den Traum ja real wahr, genauso wie der Film im Kino wirklich mittels Maschinen gezeigt wird. Es gibt also auch im Traum eine Umwelt, Beobachter und Akteure. (***)

Was es nicht gibt ist das Nichts!

Wir leben in der göttlichen Matrix, ohne Frage. Wie gehen wir mit dieser Situation nun um?

Ihr Diener
Parivadi das

P. S.: Shri Shankaracharya (Shankara, 788 - 820 AD) lehrte die Philosophie der Illusion (Mayavad-Philosophie) im Auftrag von Shri Krishna, um verschiedene Entwicklungen zu bewirken, z. B.

- um Atheisten eine rechtfertigende Philosophie zu geben;

- um Buddhisten, die nicht an das Brahman glauben, wieder einen Schritt weiter zu bringen, denn die Mayavad-Philosophie erkennt zumindest die Ewigkeit der einen spirituellen Energie an;

- um den Vaishnavas, die zu dieser Zeit einen schweren Stand hatten, Hoffnung zu machen. Shankara, eine Inkarnation Shivas, ist nämlich ein Vaishnava und brachte dies mit folgender Kernaussage gegen Ende seines Lebens wie folgt zum Ausdruck:

"bhaja govindam bhaja govindam bhaja govindam mudha-mate ..."

Übersetzung: Verehrt einfach Govinda, verehrt einfach Govinda, verehrt einfach Govinda, ihr intellektuellen Narren!

Hier noch eine Aussage Shivas hinsichtlich dieser Verwirrungsmission:

"Manchmal lehre ich Mayavad-Philosophie und berufe mich auf die vedischen Schriften, aber meine Kommentare entsprechen nicht deren ursprünglichem Sinn. Auf verhüllte Weise sage ich dasselbe wie der Buddha. O Devi, dies tue ich im Zeitalter des Kali, indem ich in der Gestalt einens Brahmanen erscheine." (Padma Purana, Uttara-khandha 25.7)

*** Ergänzung zum Thema Traumwelten

Es gibt - das muss hier klar heraus gestellt werden - verschiedene Grade traumatischer Realitäten:

- Der yoga-nidra von Maha-Vishnu erzeugt Traumwelten, in denen die Akteure allesamt beseelt sind und interagieren

- Es gibt jedoch auch Träume, Halluzinationen, Einbildungen und so weiter, die mehr einer Kinovorstellung gleichen, wo also der Wahrnehmende Phänomene sieht, die nicht selbst individuell belebt sind. Aber auch solche Wahrnehmungen sind MEHR ALS NICHTS. Es gibt den Beobachter, zum Beispiel den Träumenden und die Traumvorstellung, die ja irgendwie erzeugt werden muss. Auch solche Illusionen sind somit nicht substanzlos, denn auch das Bild auf einer Leinwand besteht zumindest aus reflektierten Lichtstrahlen.