Thema Woche 40

Paradies oder Jammertal?

Immer wieder wird in theologischen Kreisen darüber diskutiert, ob die Erde etwas grundsätzlich schönes oder eher ein Jammertal ist. Erstere Tendenz kommt in vielen weltlichen Liedern zum Ausdruck:

"Schön ist es auf der Welt zu sein, sagt die Biene zu dem Stachelschwein" oder "What a wonderful world?"

Die zweite - pessimistischere - Tendenz findet man beispielsweise in Adventsliedern. Gerade im christlichen Bereich gibt es hier unterschiedlichste Strömungen. Die einen erwarten, dass die Erde ein ewiger Ort der Freude werden wird, sobald der Messias die Lage geklärt hat, während andere wahre Befreiung und Erlösung nur in der Transzendenz oder im Königreich Gottes sehen können.

Die Vaishnava-Philosophie geht zunächst einmal davon aus, dass die Erde, ja der gesamte Kosmos, ein Jammertal ist:

a-brahma-bhuvanal lokah
punar avartino 'rjuna
mam upetya tu kaunteya
punar janma na vidyate

Übersetzung:

"Alle Planeten in der materiellen Welt - vom höchsten bis hinab zum niedrigsten - sind Orte des Leids, an denen sich Geburt und Tod wiederholen. Wer aber in Mein Reich gelangt, o Sohn Kuntis, wird niemals wieder geboren."

Diese Darstellung Shri Krishnas in der Bhagavad-gita (8.16) dämpft unsere Erwartungshaltung hinsichtlich anhaltenden Glücks hier auf Erden; sie ist deckungsgleich mit den Lehren Shri Buddhas, wonach die Welt voller Leiden ist.

Die Vaishnava-Theologie bleibt jedoch hier nicht stehen. Sie ermutigt uns, die menschliche Lebensform als Sprungbrett zu nutzen, um zur Ebene reinen hingebungsvollen Dienstes aufzusteigen. Dieser Dienst ist dadurch gekennzeichnet, dass wir wahrlich wunschlos werden und das Klagen einstellen:

bhukti-mukti-spriha yavat
pisaci hridi vartate
tavad bhakti-sukhasyatra
katham abhyudayo bhavet

"Der Wunsch, die materielle Welt zu genießen, und der Wunsch, aus der materiellen Welt befreit zu werden, werden als zwei Hexen angesehen, die uns wie Geister quälen. Wie kann man transzendentale Glückseligkeit empfinden, solange diese Hexen im Herzen bleiben? Solange sie im Herzen verbleiben, ist es unmöglich, sich an der transzendentalen Glückseligkeit hingebungsvollen Dienstes zu erfreuen."

Bhakti-rasamrita-sindhu (1.2.22)

Die Transzendierung unserer Verlangen führt daher zum wahren Ziel des Lebens, nämlich reiner Liebe zu Gott, Prema! Es geht also nicht darum, einfach nur dem Jammertal zu entfliehen, um paradiesische Zustände zu erreichen. Vielmehr geht es darum, uns selbst zu reinigen.

krsna-bhakta - niskama, ataeva santa
bhukti-mukti-siddhi-kami - sakali asanta

"Weil ein Geweihter Shri Krishnas wunschlos ist, ist er von Frieden erfüllt. Karmis wünschen sich materiellen Genuss, jnanis wünschen sich Befreiung und, yogis wünschen sich materielle Fertigkeiten; deshalb sind sie alle voller Lust und können keinen Frieden finden."

Caitanya Caritamrita, Madhya-lila, Kapitel 19, Vers 149

Aus der Erläuterung von Shrila Prabhupada:

Obwohl sich die karmis (fruchtbringende Arbeiter), jnanis (Spekulanten) und yogis ihre Wünsche erfüllen, indem sie verschiedenen Tätigkeiten nachgehen, sind sie nie zufrieden. Ein karmi mag sehr schwer arbeiten, um eine Million Dollar zu verdienen, aber sobald er eine Million Dollar erhält, wünscht er sich eine weitere Million. Die Wünsche der Karmis haben kein Ende. Je mehr sie bekommen, desto mehr wünschen sie sich. Die jnanis können nicht wunschlos sein, weil ihre Intelligenz unzulänglich ist. Sie wollen mit der Brahman Ausstrahlung verschmelzen, doch auch wenn sie auf diese Ebene gelangen, können sie dort keinen Frieden finden. Es gibt viele jnanis oder sannyasis, die der Welt entsagten, weil sie trügerisch sei, aber nachdem sie sannyasa genommen haben, kehren sie wieder zu weltlichem Leben zurück, um sich mit Politik oder Philantropie zu befassen oder um Schulen und Spitäler zu eröffnen. Das bedeutet, dass sie nicht imstande waren, das wirkliche Brahman (brahma-satyam) zu erreichen. Sie müssen auf die materielle Ebene herabsteigen, um sich mit Wohlfahrtsarbeit zu befassen. In der Folge entwickeln sie erneut Wünsche, und wenn diese Wünsche erfüllt sind, wünschen sie sich etwas anderes. Deshalb kann der jnani nicht niskama, wunschlos, sein. Auch den yogis ist es nicht möglich, wunschlos zu sein, denn sie streben nach Fertigkeiten im yoga, um einige Zauberkunststücke vorführen zu können und um populär zu werden. Sie umgeben sich mit Menschen, worauf sie immer mehr und mehr Schmeichelei wünschen. Weil sie ihre mystische Kraft missbrauchen, falle sie wieder auf die materielle Ebene herab. Es ist ihnen nicht möglich, niskama (wunschlos) zu werden.

Die Schlussfolgerung lautet, dass nur die Gottgeweihten, die einfach damit zufrieden sind, dem Herrn zu dienen, wirklich wunschlos werden können. Deshalb heißt es in diesem Vers: krsna-bhakta niskama. Da der krsna-bhakta, der Geweihte Krishnas, zufrieden ist, wenn er Krishna hat, besteht keine Möglichkeit eines Zufallkommens.

"O großer Weiser, unter vielen Millionen materiell befreiter Menschen, die von Unwissenheit frei sind, und unter vielen Millionen von siddhas, die die Vollkommenheit beinahe erreicht haben, gibt es einen reinen Geweihten Narayanas. Nur ein solcher Gottgeweihter ist tatsächlich zufrieden und von Frieden erfüllt." (Srimad Bhagavatam 6.14.5)

Aus dem Kommentar von Shrila Prabhupada:

Ein erstklassiger Mensch ist derjenige, den karma (fruchtbringendes Handeln) oder yoga (mystische Kraft) nicht beeinflussen. Er überlässt einfach alle Krishna und ist in seinem hingebungsvollen Dienst zufrieden. Laut Shrimad Bhagavatam (6.17.28) fürchtet sich ein solcher Mensch niemals vor irgend etwas. Für ihn sind Himmel und Hölle dasselbe.

Zusammenfassung:

Die Erde, ja der gesamte Kosmos, ist zwar ein Jammertal, jedoch ist es tatsächlich möglich, diese Sichtweise zu transzendieren, indem man dem reinen Geweihten des Herrn dient, um mit reinem hingebungsvollen Dienst in Berührung zu kommen. In dieser Weise lässt die materielle Erwartungshaltung mehr und mehr nach und Frieden und Glück stellen sich mehr und mehr ein, ungeachtet materieller Umstände.

Wir geben zu, dass dies eine hohe Ebene ist, jedoch gibt es keine wahre Alternative. Gott ist gut, und wenn wir ihm dienen, kann es nichts schlechtes geben. Das ist die Logik dahinter. Es geht also darum, die Fehlhaltung des NICHT-DIENEN-WOLLENS aufzugeben. Alles Übel resultiert aus der Absonderung (Sünde) der NICHT-KOOPERATION. In gleicher Weise resultiert alles Glück aus intensiverer und intensiverer Kooperation. Man versteht sich mehr und mehr als dienender Teil Gottes.

Diese Weltsicht widerspricht gänzlich der Auffassung des blinden Chaos, wonach alle Phänomene mehr oder weniger auf Zufall beruhen, oder wonach der Mensch das Maß aller Dinge ist. Alles beruht vielmehr auf aktivem liebevollem Austausch Gottes mit Seinen Erweiterungen und Teilen. Unsere Eigenverantwortung besteht darin, wie wir unser Potential bei diesem göttlichen Spiel entfalten. Überheblichkeit und Eigensucht führen in dunkle Bereiche der Existenz, während liebendes Dienen die höchsten Ebenen charakterisiert, die immer unabhängig von den abgesonderten materiellen Besserungsebenen existieren und für reine Liebende offen stehen.

Euer Diener
Parivadi das