Gandalf und die drei Erscheinungsweisen

Thema 42/2011

Wer kennt ihn nicht, Gandalf, den tugendhaften Zauberer, aus dem Herrn der Ringe?

Die Geschichte vom Herrn der Ringe zeigt in ihrer exzellenten Verfilmung Prinzipien der Reinheit und der Unreinheit und davon abgeleitet den Kampf zwischen Gut und Böse auf. Aber warum bleibt dann so ein komischer Nachgeschmack, wenn man sich die wirklich meisterhafte Verfilmung ansieht? Irgend etwas geht hier nicht auf, irgend etwas ganz wichtiges fehlt hier einfach:

Woher beziehen Gandalf und Frodo ihre Kräfte? Diese Frage bleibt offen. Sehr gut hingegen zeigt das Drama auf, wie die Habsucht und Machtgier auch gute Menschen angreifen können. Für Gandalf spricht hier, dass er, von Frodo gefragt, ob er nicht an seiner Stelle den Ring tragen möchte, dies ablehnt und zwar mit der Begründung, dass er möglicherweise der Versuchung nicht standhalten würde. Gandalf gesteht hier seine Fehlbarkeit ein, was ihn symphatisch erscheinen lässt. Er spielt nicht Gott. Auch Frodo wirkt in der Filmdarstellung nicht wie ein unbesiegbarer Knabe. Er wird immer wieder mit dem Sog der Versuchung konfrontiert, kann sich aber dann doch beherrschen. Doch was bleibt, ist die Frage, woher er die Kraft dazu bezieht. Folgende Grundfrage stellt sich also und wird in dem Epos leider nicht beantwortet:

Warum sind manche gut und andere schlecht? Ist es blinder Zufall, dass der eine tugendhaft handelt, der andere aber in Dunkelheit. Warum - um wieder zum Begriff der Reinheit zurückzukehren - sind manche rein und andere unrein in ihren Angewohnheiten? An dieser Frage scheitern die allermeisten Lehrsysteme! Beispielsweise stellt der christliche Fundamentalismus den Satan und die ihm Verfallenen als endgültig Verdammte dar, ohne jede Chance der Errettung. Hier gibt es also Figuren, die zum Böse sein verdammt sind und eben Auserwählte, die nun mal eben gut sind? Wie so oft klären sich solche Dinge , wenn wir die Bhagavad-gita studieren. Wir haben es eindeutig dem ISKCON-Gründer, Seiner Göttlichen Gnade A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada, zu verdanken, dass wir den Bereich der ewigen Verdammnis, der uns im Mittelalter eingeprägt wurde, nun verlassen können, weil wir mit reinem spirituellen Wissen und damit mit effektiver spiritueller Führung gesegnet worden sind. Aus der Bhagavad-gita geht klar hervor, dass jemand, der nicht mit dem Höchsten verbunden ist, kein dauerhafter Kandidat für Frieden und Glück sein kann (Kapitel 2, Vers 66). Darum kommen auch Gandalf und Frodo in Schwierigkeiten, obwohl sie tugendhaft zu sein scheinen. Wir lernen in diesem Zusammenhang von Shrila Prabhupada, dass es verschiedene Formen der Tugendhaftigkeit gibt, nämlich die berechnende materielle Tugend und dann die transzendentale Tugend, suddha-sattva. Materielle Tugend möchte sich durch gute Handlungen Verdienste erwerben, während man von transzendentaler Tugend spricht, wenn man das Gute aus Liebe zur Tugend selbst tut. Die Quelle aller Tugend ist nun eben Gott Selbst, der Allgute. Wer aus Liebe handelt, entfaltet - so können wir selbst immer wieder beobachten - ungeahnte Kräfte, die die Kräfte eines berechnenden Charakters weit übersteigen. Frodo liebt Gandalf und kann deshalb seinen Auftrag, den Ring zu tragen, ausführen. Er möchte seine Liebesbeziehung zu Gandalf vertiefen. Das verleiht ihm die Kraft, der Versuchung zu widerstehen. Gandalf wirkt also in dem Epos als eine gute Person, der man sich ergeben möchte. Die Liebe zum Guten kann nur aus der Quelle der Tugend, Gott Selbst, entspringen. Selbst wenn der Begriff >Gott< vermieden wird, wie das in dem Filmepos der Fall ist, so wird das Gute, also die Tugend, dennoch von der Quelle allen Seins getragen:

„Wer Gutes tut, Mein Freund, wird niemals vom Schlechten besiegt“ sagt denn auch Shri Krishna Seinem Freund Arjuna (Bhagavad-gita 6.40). Was gut ist, wird letztlich von Gott offenbart, denn es gibt in der empirischen Sozialwissenschaft natürlich viele ungelöste Fragen diesbezüglich, z. B. im Bereich von Grenzfragen wie Euthanasie etc. Wir wissen aus uns heraus oft nicht, was gut ist und fragen dann Autoritäten um Rat. Das ist ein ganz natürlicher Vorgang. Frodo investiert sein Vertrauen in Gandalf.

Wie nun aber kommen diejenigen, die unrein geworden sind, da wieder heraus? Durch die Barmherzigkeit einer Person, die sich in transzendentaler Tugend befindet, so lautet die einfache Antwort. Berechnende Tugend kann in der Erhebung der Gesellschaft kaum einen nachhaltigen Effekt ausrichten, weil sie selbst nur auf tönernen Füßen steht:

„Manchmal gewinnt die Erscheinungsweise der Tugend die Oberhand und besiegt die Erscheinungsweise der Leidenschaft und Unwissenheit, o Nachkomme Bharatas. Manchmal besiegt die Erscheinungsweise der Leidenschaft Tugend und Unwissenheit, und ein ander Mal besiegt die Erscheinungsweise der Unwissenheit Tugend und Leidenschaft. Auf diese Weise findet ein ständiger Kampf um Vorherrschaft statt.“ (BG 14.10)

Wer also selbst im Treibsand der Materie steht, kann weder sich noch anderen wirklich nachhaltig helfen, auch wenn er denkt, er sei ein guter Mensch.

Wir wissen nicht, ob Gandalf in transzendentaler Tugend verankert ist. Der ungute Nachgeschmack mag sich einfach nicht auflösen. Auch ein Hitler wurde von seinen Anhängern geliebt, die übermenschliche Leistungen an den Tag legten, eben aufgrund ihrer Hingabe. Aber Hitler war letztlich nicht fähig, das in ihn gesetzte Vertrauen zu erfüllen. Man kann eine Weile Gott spielen, aber eben nicht für immer. Nur wer sich bewusst in den Dienst Gottes stellt, kann auf ewig eine Stütze für andere sein. Es könnte also sein, dass Gandalf mittlerweile ein Opfer der Verführung geworden ist. Jedenfalls sind in der Filmdarstellung keinerlei Hinweise zu sehen, wonach Gandalf sich mit dem Höchsten verbunden hat. Wir hoffen für Frodo, dass Gandalf ein Gottgeweihter ist oder noch wird. Dann ist das Rettungsboot sicher. Entweder hatte der Autor oder der Regisseur ein Problem damit, die Notwendigkeit der Anbindung an Gott für ein ewig gutes Resultat zum Ausdruck zu bringen. Sie hätten auf diese Weise eine wesentlich stärkere Botschaft verbreitet. Wir können unabhängig von Gott nicht wirklich gut sein!

Ihr Diener

Parivadi das