Thema Woche 44

Phasen des Daseins

Der online-Tagesanzeiger Zürich meldete am 16.10.08:

"Karl Marx sei wieder in Mode, sagt Jörn Schütrumpf, Geschäftsführer des Berliner Karl-Dietz-Verlags, der die Werke der Sozialismus-Vordenker Marx und Friedrich Engels verlegt. Der Verkauf des ersten Bandes des dreibändigen Marx-Hauptwerkes 'Das Kapital' habe sich seit dem Jahr 2005 verdreifacht, sagt Schütrumpf. Nach 500 Exemplaren 2005 seien in diesem Jahr 1500 Stück des Buches verkauft worden. Die Leserschaft sei eine 'jüngere akademische Generation, die erkennen musste, dass sich die neoliberalen Glücksverheissungen nicht bewahrheitet habe', meint Schütrumpf. Marx lebte von 1818 bis 1883."

Hier erkennt man deutlich, wie immer wieder aufs Neue Hoffnungen wach werden, wenn die bisher praktizierten Konzepte versagt haben. Aber - wie wir schon an anderer Stelle beschrieben haben - es gibt nichts Neues, genauso wie eben Karl Marx schon von gestern ist. Sein Einfluss auf die Welt konnte dieser auch nicht wirklich helfen. Auch nach der amerikanischen Präsidentschaftswahl ist zu erwarten, dass nun große Erwartungen in den neuen Führer der USA gesetzt werden. Natürlich sollte man Gutes hoffen und nicht das Schlechte. Dennoch bleibt ein besonnener Mensch realistisch und sieht das Treiben der Welt im Licht der unabänderlichen Gesetzmäßigkeiten, die da sind:

dharma-artha-kama-moksha

1) dharma (Religiösität)

Zu Beginn einer Phase (nachdem eine Zerstörung stattgefunden hat) besinnen sich die Menschen auf die Religion und benehmen sich fromm, um die Götter günstig zu stimmen, so dass diese günstige Bedingungen für die Menschen schaffen mögen.

2) artha (Tätigkeit)

Daraufhin tendiert die Gesellschaft hin zu mehr Aktionismus. Im Schwabenland sagt man dazu "schaffa schaffa Häusle baua". Man vertraut während dieser Phase auf die eigene Schaffenskraft, ist weniger von religiösen Ritualen beeindruckt und möchte die Welt in Eigenregie verbessern.

3) kama (materieller Genuss)

Wenn so viele Erzeugnisse da sind, tritt die Haltung des Sinnengenusses in den Vordergrund; Man möchte das Leben nun endlich mal genießen.

4) moksha (Befreiung)

Exzessiver Genuss führt zu Verdruss, denn materielle Sinnenbefriedigung macht nun mal - wie jeder praktizierende Bhakti-Yogi weiss - nicht glücklich. Die Menschen neigen immer mehr zu Perversitäten, um vielleicht doch noch etwas außergewöhnliches erfahren zu können. Zuletzt wird der Verdruss so groß, dass man das 'Nichts' sucht, das Nirvana. Der Buddhismus kommt groß in Mode!!! Warum wohl?

Natürlich sind in einer gemischten (pluralistischen) Gesellschaft, wie wir sie heute antreffen, all diese Elemente parallel vorhanden. Dennoch kann gesagt werden, dass ein großer Teil der Bevölkerung zu Frustration neigt, besonders Jugendliche. Dies sollte eigentlich ein Alarmsignal für die führenden Politiker sein. Eine Gesellschaft, die tendenziell von Phase 3 in Phase 4 übergeht, benötigt echte spirituelle Betreuung mehr denn je. Nachdem der materielle Sinnengenuss zu nichts geführt hat, kommt es natürlicherweise zu Zerfallserscheinungen. Eine Kultur kann dann schon einmal von der Bildfläche verschwinden und einer anderen weichen. Das gab es immer wieder und wird es wieder geben.

Die Richtigkeit des vedischen Phasenmodelles kann man am Fall des Nachkriegsdeutschlands gut Veranschaulichen:

1) Als Deutschland in Trümmern lag waren die Kirchen voll.

2) Ludwig Erhard und das deutsche Wirtschaftswunder können eindeutig der Phase 2 zugeordnet werden.

3) Der Wohlstand Ende der 60er und in den 70er Jahren verführte breite Schichten der Bevölkerung zu der Erwartung, dass man nun immer mehr genießen können würde. Wir haben es im Griff mit Helmut Schmidt und dem Wirtschaftsminister Schiller.

Die Genießerhaltung führt zum Zerfall der Tugenden. Die Selbstmordrate steigt dann, weil eine materialistische Lebensweise Frustration erzeugt. Familiäre Verbände zerfallen, weil die Egozentriertheit wächst. Man glaubt, als single lebe es sich besser. Das internet ist zum Lieferanten einer jeden Perversität geworden. Exzessive Gewinnmaximierungsunternehmen im Rahmen der Globalisierung sind für einige wenige ein Tummelplatz, sich noch mal alles zu geben. Die breite Bevölkerungsschicht natürlich ist im Existenzkampf wenig erfinderisch und hängt alten Vorstellungen nach - wenn z. B. Karl Marx ausgegraben wird - anstatt die Chance zu nutzen, jetzt endlich ein bewusst einfaches, preiswertes und spirituell ausgerichtetes Leben zu führen. Die Globalisten lieben solche genügsamen Untertanen natürlich nicht, da diese nicht für eigene Zwecke instrumentalisiert werden können. Darum wird auch sorgsam darauf geachtet, dass spirituelle Inhalte nicht in den Massenmedien erscheinen. Man bleibt viel lieber flach, um die Menschen nicht auf 'falsche Ideen' kommen zu lassen.

4) Phase 4 ist bereits im Anfangsstadium eingetroffen und zwar hauptsächlich in der Äußerungsform der Frustration. Die positive Alternative dazu ist das Leben im Dienste der höchsten Persönlichkeit Gottes. Das Bestreben der ISKCON ist es, die Menschen von der Gesellschaftsfähigkeit dieser ewig gültigen und glückverheißendsten Lebensform zu überzeugen und Beispiele zu geben, zum Wohle des Staates, der Menschen, der Tiere, der Pflanzen und der Erde. Das ist kein einfaches Unterfangen, denn die zunehmende Frustration führt auch zu zunehmender Hoffnungslosigkeit. Shrila Prabhupada führt dazu in der Bhagavad-gita wie sie ist aus:

"Wie bereits erwähnt, fällt es einem Menschen, der zu sehr an materiellen Dingen hängt, sehr schwer, das persönliche Wesen der Höchsten Absoluten Wahrheit zu verstehen. Gewöhnlich sind Menschen, die an der körperlichen Lebensauffassung haften, so sehr in den Materialismus versunken, dass es für sie fast unmöglich ist, zu verstehen, wie das Höchste eine Person sein kann. Solche Materialisten können sich nicht einmal vorstellen, dass es einen transzendentalen Körper gibt, der unvergänglich, voller Wissen und ewig glückselig ist. Gemäß der materiellen Lebensauffassung ist jeder Körper vergänglich, voller Unwissenheit und voller Leid. Aus diesem Grunde behalten die Menschen im allgemeinen die gleiche Vorstellung vom Körper bei, wenn sie über die persönliche Gestalt des Herrn hören. Für solch materialistische Menschen ist die Form der gigantischen materiellen Manifestation das Höchste. Folglich halten sie das Höchste für unpersönlich. Und weil sie zu sehr in die Materie vertieft sind, erschreckt sie die Vorstellung, auch nach der Befreiung von der Materie ihre Persönlichkeit zu behalten. Wenn sie erfahren, dass spirituelles Leben ebenfalls individuell und persönlich ist, bekommen sie Angst, erneut Personen zu werden, und so ziehen sie es vor, irgendwie mit der unpersönlichen Leere zu verschmelzen. Im allgemeinen vergleichen sie die Lebewesen mit Schaumbläschen im Ozean, die sich wieder im Ozean auflösen. Dies ist die höchste Vollkommenheit spiritueller Existenz, die ohne individuelle Persönlichkeit erreicht werden kann. Es ist ein angstvoller Lebenszustand, in dem es an vollkommenem Wissen über die spirituelle Existenz mangelt. Darüber hinaus gibt es viele Menschen, die Spiritualität überhaupt nicht verstehen können. Verwirrt durch so viele Theorien und durch Widersprüche verschiedenster philosophischer Spekulationen, fühlen sie sich abgestoßen oder werden zornig und kommen törichterweise zu der Schlussfolgerung, es gäbe keine höchste Ursache und letztlich sei alles leer. Solche Menschen befinden sich in einem krankhaften Lebenszustand. Manche Menschen sind zu sehr dem Materialismus verhaftet und schenken daher spirituellem Leben keine Aufmerksamkeit; andere wollen ihre Identität in der höchsten spirituellen Ursache auflösen, und wieder andere wollen gar nichts mehr glauben, weil sie aus tiefer Frustration heraus auf jede Art von spiritueller Spekulation zornig sind. Was diese letztere Klasse von Menschen betrifft, so suchen sie bei irgendwelcher Berauschung Zuflucht, und ihre Gefühlshalluzinationen werden manchmal für spirituelle Visionen gehalten. Man muss sich von diesen drei Stufen der Anhaftung an die materielle Welt lösen: von Gleichgültigkeit gegenüber spirituellem Leben, von Angst vor einer spirituellen persönlichen Identität und von der Vorstellung der 'Leere', welche aus Frustration entsteht. ..." (Kommentar zu Vers 10, Kapitel 4, Bhagavad-gita wie sie ist)

Schlussfolgernd kann gesagt werden, dass unsere Probleme alle auf der gleichen Grundursache beruhen, einem Mangel an Krishna-Bewusstsein und daraus resultierend aus der Verfangenheit in der Materie, die sich stets wandelt, aber eben nie das ersehnte Ziel bereit stellen kann. Alle Hoffungen diesbezüglich sind gegenstandslos.