Thema Woche 45

Form und Inhalt

Widerspruch oder Einheit?

 
Es gibt Menschen, die sagen, sie seien nur an der Substanz interessiert, nicht an Förmlichkeiten, Ritualen etc. Andere Menschen neigen mehr dazu, ihr Leben bis ins Detail zu ordnen, ohne jedoch tatsächlich nach einem Inhalt des Lebens Auschau zu halten. Während man bei der ersten Kategorie meist asoziale anarchistische Züge beobachten kann, sieht man bei der zweiten Kategorie stereotype Verhaltensweisen, die Langeweile auslösen können.

Auch spirituelle Bemühungen werden nach den heiligen Schriften in zwei Bereiche unterteilt:

bhagavat-viddhi (Substanz) und pancaratrika-viddhi (Form)

Die Höchste Person Gottes, Shri Krishna


Beim bhagavat-viddhi geht es direkt um spirituelles Handeln und spirituelle Erfahrung, während es beim pancaratrika-viddhi um Formen der Disziplin geht, die einen der spirituellen Ebene näher bringen. Schon alleine der gesunde Menschenverstand führt zu der Schlussfolgerung, dass der Erfolg im spirituellen Leben wahrscheinlicher wird, wenn man beide Aspekte berücksichtigt und sich ergänzen lässt.

Man trifft manchmal auf sogenannte Spiritualisten, die sich gehen lassen und behaupten, sie befänden sich auf höheren Ebenen des Bewusstseins. Auf der anderen Seite findet man zum Beispiel manchmal Priester, die sich etwas auf ihre ritualistischen Künste einbilden. Diese beiden Fehlhaltungen sind überall wahrzunehmen und befinden sich auch dauernd im Konflikt miteinander. Welcher Formalist kann schon einen Quertreiber leiden und umgekehrt?

Wie bereits im vorletzten Absatz vorweggenommen, liegt die Auflösung des Rätsels darin, dass man eine Harmonie zwischen Form und Inhalt schafft. Obwohl der Inhalt nicht von der Form abhängig ist, wird man sehr selten den Inhalt bekommen, ohne die Form zu wahren. Ein Beispiel: Wenn ich mich in der Wüste aufhalte, dann kann ich des Wassers meist nur durch eine Flasche, einen Kanister oder ähnliches habhaft werden. Das Wasser wird mir nicht einfach vom Himmel in den Mund fliessen. Ein Gefäß ist notwendig. Diese Erkenntnis ist allerdings erst ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Wer weiter fortschreitet, erkennt, dass auch die Formen spirituellen Lebens selbst spirituellen Charakter haben, dass sie also - landläufig gesagt - heilig sind. Auf dieser Ebene empfindet man Wertschätzung und Hingabe für Disziplin, die Altarverehrung, Reinlichkeit, Ordnung etc. Man empfindet, dass sich die spirituelle Welt durch diese Aspekte in der Wüste des materiellen Daseins Ausdruck verleiht.

Auf einer noch höheren Ebene sieht man Shri Krishna, Seine Geweihten und Sein Zubehör überall, wo man hinblickt. Die Dualität zwischen Form und Inhalt ist gänzlich aufgelöst. In der spirituellen Welt besteht zwischen Form und Inhalt kein Unterschied, während in der materiellen Welt ein Unterschied beispielsweise zwischen der Seele und dem materiellen Körper besteht.

Im spirituellen Bewusstsein löst sich der Widerspruch zwischen Form und Inhalt also auf, welch ein Glück!

Hier noch ein ganz einfaches Beispiel für eine praktisch wirksame Symbiose zwischen Form und Inhalt:

Shrila Prabhupada wollte, dass wir die Heiligen Namen Krishnas deutlich aussprechen, also nicht nuscheln etc. Das Erfordernis der DEUTLICHKEIT ist hier die FORM, während der HEILIGE NAME den INHALT darstellt, den es zu kosten gilt. Wir sollten also deutlich chanten:

Hare Krishna Hare Krishna Krishna Krishna Hare Hare / Hare Rama Hare Rama Rama Rama Hare Hare


Wer sich mal die Mühe macht, einige Runden so richtig deutlich zu chanten, der wird den Unterschied merken, vielleicht sogar, dass der Heilige Name nicht von Shri Krishna verschieden ist. Wenn wir bei diesem Beispiel bleiben, dann können wir auch zumindest theoretisch lernen, dass der Inhalt, nämlich der Maha-Mantra, gleichzeitig auch eine Form Krishnas ist. Shrila Prabhupada sagte sinngemäß, dass man mit der Formel Coca Cola Coca Cola Coca Cola ... niemals auf ein spirituelles Ziel zusteuern könne. Daraus folgt, dass tatsächlich die Klangschwingung des Maha-Mantra eine spirituelle Form Krishnas ist, nicht jedoch irgendeine erfundene Wortkombination. Auch dies kann man ja mal ausprobieren, wenn man es nicht glaubt. Auch an diesem Beispiel sieht man, dass letztlich zwischen Form und Inhalt kein Unterschied besteht.

Schlussfolgernd kann man also sagen, dass man die uns vom echten spirituellen Meister an die Hand gegebenen Formen spiritueller Praxis ehren und sie nicht als Äußerlichkeiten abtun soll, egal welche Ebene angesprochen ist,

- die rein praktisch mechanische Ebene (Flasche zum Trinken)
- die spirituelle Intuition (Achtung heiliger Dinge)
- das Erkennen von spiritueller Einheit (z. B. beim Heiligen Namen)

Euer Parivadi das