Thema Woche 47

Farbe bekennen

Am 31.10.2009 hielt Bundespräsident Horst Köhler eine Rede anlässlich des 20. Jahrestages des Mauerfalles.

Wichtige Inhalte der Ansprache waren u.a.:

- die Wichtigkeit großer Persönlichkeiten bei der Gestaltung des Weltgeschehens

- die Lernfähigkeit freier Völker auf ihrem Weg durch Höhen und Niederlagen

- die Vorbildfunktion der freien USA und des freien Europas für den Rest der Welt

- die Notwendigkeit einer internationalen Koordination des Weltgeschehens

- die Anerkennung verschiedener Wege einzelner Nationen

- der Schutz regionaler kultureller Besonderheiten

- Abbau des Raubbaues an der Natur

Die Rede ist in sich logisch und soll einmal dafür Anlass sein, dem Bundespräsidenten hier ein Lob auszusprechen; wobei zunächst die Details nicht diskutiert werden sollen, wo es freilich viel Gesprächsstoff gibt, insbesondere hinsichtlich der Themen "Freiheit" und "Vorbildfunktion" sowie der "Qualitäten großer Persönlichkeiten".

His Divine Grace A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada führt in seinem Vorwort zum Shrimad Bhagavatam in den 50er Jahren!!! im Zusammenhang mit der von ihm vorhergesehenen Globalisierung folgendes aus:

Srila A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada"Wir müssen das gegenwärtige Bedürfnis der menschlichen Gesellschaft erkennen. Worin besteht dieses Bedürfnis? Die menschliche Gesellschaft wird nicht mehr durch geografische Grenzlinien auf bestimmte Länder oder Gemeinden beschränkt. Sie ist weitläufiger als im Mittelalter, und die allgemeine Tendenz geht heute dahin, dass sich die Welt zu einem Staat oder einer Gesellschaft zusammen schließt. Die Ideale des spirituellen Kommunismus beruhen dem Shrimad Bhagavatam gemäß auf der Einheit der gesamten menschlichen Gesellschaft, ja der gesamten Energie der Lebewesen. Große Denker verspürten den Drang, dies zu einer erfolgreichen Ideologie zu machen. ... Die Menschheit ist heute nicht mehr in die Finsternis der Unwissenheit gehüllt. Weltweit hat sie auf den Gebieten der materiellen Annehmlichkeiten, der Bildung und der wirtschaftlichen Entwicklung rasche Fortschritte gemacht. Doch irgend etwas stimmt nicht im sozialen Gefüge der Welt, und so entstehen selbst um unbedeutende Sachverhalte groß angelegte Auseinandersetzungen. ... Uneinigkeit in der menschlichen Gesellschaft ist darauf zurückzuführen, dass es in einer gottlosen Zivilisation an religiösen Prinzipien mangelt. ..."

Hier skizziert Shrila Prabhupada bereits kurz nach dem zweiten Weltkrieg die Möglichkeit eines Weltfriedens. Es geht um höhere Prinzipien, die wir zum Beispiel in den durch die deutsche Verfassung beschriebenen Grundrechten zum Teil finden.

Leider verbleibt es oft dabei, hohe Gedanken in eine Proklamation einzutragen und sie dann abzuheften. Die Realität, die wir tagtäglich vor Augen haben, spricht dann eine andere Sprache. Die Wertediskussion ist vordringlicher denn je. Wenn wir regional funktionierende fruchtbare Kulturen fördern möchten, die sich dann in einer globalen Ordnung friedlich integrieren, müssen wir

- die ewigen höheren Werte des Lebens herausstellen,

- selbst mit gutem Beispiel voran gehen

- und praktisch in die Politik umsetzen.

Im Shrimad Bhagavatam findet man die Geschichten großer Persönlichkeiten, die in dieser Weise höchst effizient für das Wohl der Gesellschaft gewirkt haben. Noch unter Kaiser Parikshit (ca. 3000 vor Christus) war die zivilisierte Welt unter einem Schirm vereint und zwar unter Achtung der regionalen kulturellen Verschiedenheiten. Das global-förderale Modell, das dem Bundespräsidenten vorschwebt, ist somit keine neue Erfindung. Nein, es ist der Normalzustand für Mutter Erde!!! Es war der Abfall vom weltweit gültigen Wertesystem, der zur Zersplitterung der Machtverhältnisse auf dem Planeten geführt und unendliches Leid für die Lebewesen herauf beschworen hat. Das Shrimad Bhagavatam erklärt auch, welche Hauptfaktoren den Abfall bewirkt haben, nämlich insbesondere betrügerische Tendenzen aufgrund von Geldgier.

Kaiser Parikshit war die letzte Persönlichkeit in diesem yuga-Zyklus, der den Einfluss von Kali weltweit zurück drängen konnte, jedoch war er es auch, der bereits sah, dass es in eine andere Richtung gehen würde, denn das Kali-Yuga muss aufgrund des göttlichen Planes durchgestanden werden (als Lernaufgabe für die Lebewesen):

"Suta Gosvami sprach:

Als Maharaja Parikshit so von der Persönlichkeit Kali gebeten wurde (einen Ort zu finden, wo er bleiben kann), gab er ihm die Erlaubnis, an Orten zu wohnen, die für Glücksspiel, Trinken, Prostitution und das Schlachten von Tieren bestimmt waren. Die Persönlichkeit des Kali bat um noch mehr, und auf sein Betteln hin gab ihm der König die Erlaubnis, dort zu leben, wo es Gold gibt; denn wo immer es Gold gibt, findet man auch Falschheit, Berauschung, Lust, Neid und Feindschaft. So wurde der Persönlichkeit Kali auf Anweisung Maharaja Parikshits, des Sohnes Uttararas, gestattet, an diesen fünf Orten zu leben. Deshalb sollte jeder, der um das wachsende Wohlergehen bemüht ist, vornehmlich die Könige, frommen Menschen, öffentliche Führer, brahmanas und sannyasis, niemals mit den vier oben erwähnten gottlosen Prinzipien in Berührung kommen. " (Shrimad Bhagavatam 1.17.38 bis 41)

Im Gaudiya-Vaishnavismus rechnet man nun wieder mit einer zunehmenden Zurückdrängung von Kali für die nächsten rund 10000 Jahre. Wir befinden uns also an der Schwelle eines Epochenwechsels, und es ist höchst spannend, wie die Weichen jetzt gestellt werden. Die ISKCON tut ihr möglichstes, um diesen Prozess begleitend zu unterstützen, insbesondere durch die Verbreitung der Inhalte des Shrimad Bhagavatam und die praktische Anwendung derselben im kleineren oder - entprechend der göttlich gegeben Möglichkeiten - in größerem Rahmen. Wie der Bundespräsident zutreffend ausgeführt hat, muss den einzelnen Weltregionen jeweils überlassen werden, wie sie sich entwickeln wollen. Ein erzwungener Frieden ist nicht wirklich ein solcher. Es muss daher im Rahmen sicherheitspolitischer Gesetzmäßigkeiten immer Raum für die regionale freie Entwicklung gegeben werden. Eine gesteuerte Gleichschaltung der Lebewesen widerspricht den göttlichen Gesetzen der Freiheit und wird von der ISKCON (besonders auch in Glaubensfragen) abgelehnt. Es entspricht sogar weltlicher Logik, dass nur vorbildliche Staatsführer, die Raum für freie Entfaltung inmitten eines durch Grundwerte ausbalancierten Systems lassen, eine fruchtbare kulturelle Entwicklung garantieren können.

Die Diskussion über die Grundwerte ist natürlich noch weitaus spannender als diese mehr allgemeinen Einlassungen, auf die man sich nun wirklich einigen können sollte. Gerade im Zusammenhang mit der in den letzten Jahren hinsichtlich des Wirtschaftssystems zu Tage getretenen Unredlichkeit ist es höchste Zeit, der global betriebenen Geldspekulation klare und entschiedene Grenzen zu setzen. Wie kann von einem Normalbürger Ehrlichkeit und Respekt vor der Staatsgewalt erwartet werden, wenn Regierungen mit frisch erzeugtem Geld um sich werfen, um die Gehälter von Spekulanten zahlen zu können oder die Banken bei Laune zu halten?

Ein Kommentar von
Parivadi das