Freiheit II

Thema 16/2022

Es folgt nun eine Ergänzung unseres Beitrages 14/2022:

prakriteh kriyamanani
gunaih karmani sarvasa ahankara-vimudhatma
kartaham iti manyate

"Die vom Einfluss des falschen Ego verwirrte spirituelle Seele hält sich selbst für den Ausführenden von Tätigkeiten, die in Wirklichkeit von den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur ausgeführt werden." (Bhagavad-gita 3.27)

Hier wird unsere bedingte Situation in der materiellen Natur schnörkellos beschrieben, wie wir es glücklicherweise von Shri Krishna her schon kennen. Die vedischen Kernaussagen sind frei von soziologischen, gesellschaftlichen und besonders allen mentalen Spekulationen. Dazu ein Kurzkommentar von Parivadi dasa:

Wir bilden uns im allgemeinen ein, wir seien diejenigen, die gehen, stehen, aufstehen, sich hinlegen, anfassen, aufheben, tragen, Fußball spielen, rennen, kochen, backen usw. Tatsächlich aber wird unser Körper von Shri Vishnu bewegt. Die tatsächliche Situation ist in etwa wie folgt: Wir, die spirituellen Seelen, befinden uns in einer großen Simulation, der berühmten Matrix. Diese Matrix reagiert auf unsere Willensbekundungen entweder wunschgemäß oder eben nicht, je nachdem, ob wir uns das Gewünschte verdient haben. Wir sind also keineswegs die Herren unseres Schicksals. Shri Vishnu, der Allwissende und Alldurchdringende, stimmt die Wünsche aller Lebewesen miteinander ab, damit das Chaos nicht eintritt, welches sich sofort einstellte, wenn alle Willensregungen automatisch in der Materie umgesetzt würden. Wir sehen oft in unserem Leben, wie durch eine höhere Instanz das Timing unseres Tages geregelt wird:

Da ruft plötzlich der Mensch an, mit dem man gerne sprechen wollte. Da kommt man in letzter Sekunde vor Geschäftsschluss noch in die Arztpraxis, um ein wichtiges Medikament zu bekommen. Und es gibt unzählige weitere Beispiele, jedoch leider auch Tage, an denen alles schief zu laufen scheint.

prakrityaiva cha karmani
kriyamanani sarvasaha
yah pasyati tathatmanamin
akartaram sa pasyati

"Wer sieht, dass alle Tätigkeiten vom Körper ausgeführt werden, der von der materiellen Natur geschaffen wurde, und sieht, dass er selbst nichts tut, sieht wirklich." (Bhagavad-gita 13.30)

Somit ist bereits jetzt klar, dass wir nicht fähig sind, launenhaft zu tun, was uns gerade in den Sinn kommt. Wir sind somit niemals absolut frei. Absolut frei ist jedoch Shri Vishnu.

In der spirituellen Wissenschaft wird zwischen der materiellen Natur und den spirituellen Lebewesen unterschieden, wobei sowohl die Materie als auch die Lebewesen von Shri Vishnu ausgehen. Nur Shri Vishnu ist fähig, die materielle Matrix entsprechend oder entgegen unserer Wünsche zu steuern.

Shri Vishnu herrscht also über alles, und er belohnt uns entsprechend unseres spirituellen Fortschritts, unserer Hingabe also:

ye yatha mam prapadyante
tams tathaiva bhajamy aham
mama vartmanuvartante
manusya partha sarvasah

"Alle belohne ich in dem Maße, wie sie sich Mir ergeben. Jeder folgt Meinem Pfad in jeder Hinsicht, o Sohn Prithas!!!" (Bhagavad-gita 4.11)

Es ist ähnlich wie im täglichen Leben:

Wer gesetzestreu lebt, genießt mehr Freiheitsraum als kriminelle Menschen, die ggf. hinter Gittern leben müssen.

Zusammenfassung: Je mehr unsere Wünsche mit dem Höchsten harmonieren, desto größer ist unsere Freiheit. Theisten sind deshalb darum bemüht, die Natur der Höchsten Person zu verstehen, um mit Ihm in Harmonie die größtmögliche Freiheit zu genießen. Um in diesem Verständnis zu wachsen, empfiehlt es sich, die heiligen Schriften zu studieren, insbesondere die Bhagavad-gita und das Shrimad Bhagavatam.

Außerdem finden wir folgende Tatsache als besonders aufschlussreich:

Die Illusion des materiellen Lebens ist vergleichbar mit einer Simulation, die vom Schöpfer der Simulation entsprechend oder entgegen unserer Wünsche gesteuert wird. Auch unser eigener Körper incl. unserer Gedanken! gehören zur Simulation. Wir sind verleichbar mit Kinobesuchern, die voll im jeweiligen Film gefangen sind, also mitgerissen werden.

Wie unser Denken, Fühlen und Wollen mit der Simulation zusammenhängen wollen wir in einem der nächsten Beiträge beleuchten.

Ihr Diener

Parivadi dasa

P.S.: Ein wichtiger Punkt für ein tiefes Verständnis der Vaishnava-Theologie ist im Zusammenhang mit der Illusion der Matrix folgender:

Die Matrix ist nicht etwa eine Illusion in dem Sinne, dass sie nur eine Einbildung ist. Nein, die Matrix existiert tatsächlich. Der Begriff Illusion bedeutet im Zusammenhang mit der Matrix, dass wir von der Matrix gerne in illusorische Träume verwickelt werden, ähnlich eben wie die Besucher eines Kinos. Das Kino existiert tatsächlich, die Besucher existieren tatsächlich, der Filmvorführer existiert ebenfalls tatsächlich. Und auch die Illusionen, in die wir eingetaucht sind existieren in feinstofflicher Form als Träume, Gedanken. Die Lehre vom angeblichen Nichts ist kompletter Unsinn, auf den man (sie) nicht hereinfallen sollte. Illusionen bzw. Täuschungen können mit zeitweilig aufziehendem Nebel verglichen werden. Der Nebel mag wieder verfliegen, jedoch ist er zeitweilig eben tatsächlich vorhanden. Genauso ist es blasphemisch, wenn bestimmte Lehrer behaupten, unser Leid sei nur eine Einbildung. Wer leidet kann dem niemals zustimmen. Das Leid während unseres Aufenthaltes in der materiellen Natur (der Matrix) ist eine Tatsache, die wir täglich erleben:

a-brahma-bhuvanal lokah
punar avartino 'rjuna
mam upetya tu kaunteya
punar janma na vidyate

"Alle Planeten in der materiellen Welt - vom höchsten bis hinab zum niedrigsten - sind Orte des Leids, an denen sich Geburt und Tod wiederholen. Wer aber in Mein Reich gelangt, o Sohn Kuntis, wird niemals wieder geboren." (Bhagavad-gita 8.16)

Wir sollten also mittels unserer Wunsch- und Willenskraft das spirituelle Reich des höchsten Herrschers ansteuern. Dort genießen wir die für uns größtmögliche Freiheit in einer glückseligen Atmosphäre frei von Leid und Angst!!!

Warum nur waren wir so töricht, das Reich Gottes zu verlassen? Diese Frage sollten wir meditativ überdenken!